Die Erholung der Ölpreise – nachhaltiger Erfolg der OPEC oder geopolitisches Strohfeuer?

Nach einer längeren Durststrecke im Frühjahr haben die Ölpreise in den letzten Monaten wieder etwas an Stärke gewonnen. Einer der Gründe war ein schwächerer US-Dollar, aber vor allem auch geopolitische Risiken rund um den für die Versorgung des Marktes wichtigen Mittleren Osten. Sie haben spekulative Anleger dazu veranlasst, mit hohen Long-Positionen auf steigende Ölpreise zu wetten. Doch ist diese Preisentwicklung nachhaltig? Oder werden möglicherweise kurzfristige Marktrisiken zu Unrecht in Optimismus für steigende Ölpreise umgemünzt?

Abbildung 1: Ölpreise im Jahresverlauf 2017

Bei den Unstimmigkeiten im Mittleren Osten spielen derzeit verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen beginnen im Irak und dessen Nachbarländern die Kämpfe um den leeren Raum, der durch die Vertreibung des IS entstanden ist. Zu der Befreiung der nördlichen Regionen des Irak und Syriens haben die Kurden maßgeblich beigetragen. Im Irak haben die Peschmerga unter anderem die wichtige Ölregion um Kirkuk vom IS befreit und gehalten. Mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen – auch durch die Unterstützung westlicher Länder wie den USA oder Deutschland – bekommen die Separationsbestrebungen der Kurden neue Nahrung. Ein entsprechendes Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak hat diesen Wunsch der Bevölkerung mit großer Mehrheit bestätigt.
Allerdings sorgt dieses Referendum in gleich mehreren Ländern für Unmut. Die Regierungstruppen des Irak sind gen Norden vorgerückt, um die Ölregion um Kirkuk von den Peschmerga zurück zu fordern. Dies beeinträchtigt die bisher relativ ungestört abgelaufene Ölförderung in der Region. Gleichzeitig hat die Türkei gewarnt, dass im Falle von anhaltenden Separationsbestrebungen der Kurden eine Pipeline stillgelegt wird, die diese für ihre Ölexporte nutzen. Dies kommt wenig überraschend, schließlich ist die Türkei ein entschiedener Gegner eines eigenen Kurden-Staates. Auch dieser Umstand lastet auf den Ölexporten des ölreichen Nordiraks. Allerdings sind dies – vorausgesetzt im Irak kommt es zu keinem Unabhängigkeitskrieg der Kurden oder einem generellen Bürgerkrieg – eher kurzfristige Faktoren. Diese sollten das Ölangebot des Irak nicht längerfristig stören.
Der Iran blickt ebenfalls mit Sorge auf den Nordirak, in der Befürchtung dass sich die Kurden im eigenen Land ebenfalls auflehnen könnten. Der Iran ist gleichzeitig mit US-Vorwürfen konfrontiert, nach denen das ausgehandelte Atomabkommen nicht eingehalten wird. Dies verschärft den unter Präsident Obama zuletzt deutlich freundlicheren Ton zwischen den Ländern wieder zunehmend. Die USA beraten, ob neue Sanktionen gegen den Iran und dessen Ölsektor verhängt werden sollten – ob diese allerdings international mitgetragen würden ist fraglich. Auch von dieser Seite sind also bisher noch keine langfristigen Auswirkungen auf das Ölangebot zu erwarten.
Die Versorgungslage des Marktes insgesamt ist weiterhin üppig, trotz einer gut entwickelten Nachfrage.  Zwar sinken tendenziell die Öllagerbestände, sie bewegen sich aber noch immer auf hohen Niveaus und sind oft durch kurzfristige Schwankungen in der Ölproduktion und der Weiterverarbeitung beeinflusst. Die Förderkürzungen der OPEC werden derzeit insgesamt relativ diszipliniert umgesetzt, was aber vor allem durch die Übererfüllung der Quoten durch Saudi-Arabien und einigen unfreiwilligen Ausfällen wie im Irak begründet ist. Um tatsächlich Wirkung zu zeigen, müssten die Vereinbarungen auf der OPEC-Sitzung Ende November nochmal deutlich verlängert und möglicherweise auch verschärft werden. Je stärker die Konflikte rund um eine Vorherrschaft in der Golf-Region schwelen, desto unwahrscheinlicher ist ein nachhaltig einheitlicher Kurs der wichtigen Ölförderländer des OPEC-Kartells. Zusätzlich ist eine fixierte und gut kommunizierte Ausstiegsstrategie aus den Produktionskürzungen in der Zukunft nötig, damit der Markt nicht wieder in alte Strukturen zurück fällt und die kostspieligen Maßnahmen damit am Markt wirkungslos verpuffen. 
Die Steuerungsfunktion für den globalen Ölmarkt hat das Kartell aber ohnehin an die US-Schieferölindustrie verloren. Diese ist technisch flexibler in ihrer Förderung als klassische Ölvorkommen oder gar Offshore-Projekte auf See. Somit kann sie schnell auf steigende Preise reagieren und ihre Aktivitäten in lohnenden Phasen erhöhen. Die Fracking-Firmen sind durch die gestiegenen Preise wieder verstärkt tätig geworden und bauen auf Kosten der OPEC-Länder ihre Marktanteile aus. Zusätzlich liegen noch eine große Zahl an unvollendeten oder gestoppten Projekten brach, die kurzfristig wieder an den Markt gebracht werden können.

Abbildung 2: Zahl der US-Ölbohrungen und US-Ölproduktion über 5 Jahre

Die aktuelle Erwartungshaltung der Marktteilnehmer für die Ölpreise lässt sich gut in den Futures-Kurven ablesen. Diese bilden die heutigen Preise der Referenz-Ölsorten WTI und Brent für eine Lieferung zu einem fixierten zukünftigen Termin ab. Deutlich ist in beiden Kurven erkennbar, dass die Preise für spätere Termine unter denen für kurzfristige Termine liegen. Dieses Kurven-Bild wird „Backwardation“ genannt, die Preise bewegen sich im Kurvenverlauf also sozusagen rückwärts.

Abbildung 3: Aktuelle Futures-Kurven der Sorten Brent und WTI, Fair Value

Dies impliziert eine mittelfristig eher pessimistische Marktmeinung und spiegelt die von uns beschriebene fundamentale und politische Lage rund um den Ölmarkt wieder. Es zeigt außerdem, dass sich die hohe Zuversicht am Ölmarkt schnell zum Stolperstein entwickeln könnte. Besonders die kurzfristig aktivierbaren Förderkapazitäten in der US-Schieferöl-industrie begrenzen die mittelfristigen Phantasien auf große Preissteigerungen am Ölmarkt. Steigt der Preis, steigt auch das Ölangebot. Dies wirkt wie ein natürlicher Deckel, sofern die globale Nachfrage in den nächsten Jahren nicht unerwartet stark ansteigen sollte.